»Vorletzte Vesper«
Das Ende eines Kirchenjahrs und der Anfang des folgenden Kirchenjahrs hängen theologisch und liturgisch eng zusammen. Die Erwartung, dass der Auferstandene am Ende der Zeit wiederkommt, und die Vorbereitung auf die Feier der Geburt Jesu sind miteinander verknüpft, denn Inkarnation und Eschatologie sind nicht von einander zu trennen. Der Blick auf Jesus Christus in der Einheit von Jesuskind, Gekreuzigtem und endzeitlichem Richter ist uns Heutigen ungewohnt, gehört aber zur ursprünglichen Haltung christlicher Existenz. So lautet einer der ältesten Rufe der christlichen Gemeinschaft auf Aramäisch »Maranatha!«, das so viel heißt wie »Unser Herr, komm!«, aber auch »Der Herr ist gekommen« sowie »Der Herr wird kommen«. Dem entspricht der Bekenntnis- wie Fürbitt Ruf: »Christus gestern, Christus heute, Christus in Ewigkeit«. Das Heute ist also eine gespannte Zwischenzeit, eine Vorzeit, ein vorletztes Stadium der Heilsgeschichte. Eine Vesper in den letzten Tagen des Kirchenjahres will dies verdeutlichen und spricht damit auch den Schwebezustand zwischen Sehnsucht und letztendlicher Erfüllung an, in dem das menschliche Leben steht.
»Religiöse Spuren in Mahlers Musik«
Vortrag mit Klangbeispielen
Mittwoch, 24. November 2010
18.00 Uhr
Vorletzte Vesper (Kleiner Michel)
19.00 Uhr
Vortrag von Prof. Dr. Constantin Floros, Hamburg
Die entscheidende Frage, die Gustav Mahler besonders interessierte und zeitlebens bewegte, war die Frage nach dem Sinn der Existenz, die Frage nach dem Sinn des Lebens und nach dem Sinn des Todes«, urteilt der renommierte Mahler-Forscher Constantin Floros. Ausgehend von den ersten beiden Symphonien wird Professor Floros im Rahmen der »Vorletzten Vesper« die religiösen Spuren im Werk Gustav Mahlers aufzeigen, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 150. Mal jährt. Steht am Ende von Mahlers Erster Symphonie das Ringen von Hölle und Himmel im Vordergrund, so rücken in der Zweiten Symphonie die letzten Fragen ins Zentrum: Welchen Sinn hat das Leben? Welchen Sinn hat der Tod? Die Antwort auf diese Fragen findet Mahler in der Trauerfeier für Hans von Bülow in der Hamburger Michaeliskirche: »Sterben werd’ ich, um zu leben« – eine Einsicht, die nur im Licht des Glaubens an die Liebe Gottes und die Auferstehung formuliert werden kann.
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